ANALYSE03.02.2017

Was geschah 2016 in einer Minute im Internet?

Anlässlich des chinesischen Neujahrsfests 2017 haben wir uns die zwölf populärsten Anwendungen im Consumer-Internet in China und im Rest der Welt angesehen: Was geschah dort 2016 innerhalb von 60 Sekunden?

Es ist weithin bekannt, dass für jede Applikation im Westen ein chinesisches Äquivalent existiert – im weiteren Sinne, schließlich unterscheiden sich die Nutzergewohnheiten zwischen den verschiedenen Kulturräumen teilweise beträchtlich. Die hier vorliegende Analyse beschreibt, welche Anwendungen das sind, identifiziert die wichtigsten Unterschiede und wirft einen Ausblick in die Zukunft.

Abbildung 1: Was geschah 2016 in einer Minute im Internet?

Internetnutzung in China vergleichsweise stark ausgeprägt, „mobile first“

Etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung leben in der Volkrepublik China. Der Blick auf unsere Grafik (Abbildung 1) unterstreicht die These, dass die Internetbenutzung in China höher als im Weltdurchschnitt ist. In diesem Bereich ist das Land den meisten anderen Entwicklungs- und Schwellenländern voraus. Laut Weltbank und der UN verfügten im Jahr 2016 721,4 Mio. der etwa 1,3 Mrd. Chinesen über einen Internetzugang. Besonders faszinierend an diesem Phänomen: Je nach Schätzung sind zwischen 70 und 90 Prozent davon „mobile first“ – sprich, sie haben beim Einstieg in die Welt des Internet das Zeitalter des Desktop-Computer einfach übersprungen und kennen den Internetzugang in erster Linie durch Smartphones oder Tablet-Computer.

Westliche Internetunternehmen führen global betrachtet nach wie vor

Es verwundert nicht, dass global betrachtet westliche (oder besser: amerikanische) Unternehmen in den meisten Fällen führen. Amazon begann mit seiner globalen Expansion bereits 1998 mit dem Schritt nach Deutschland, und erzielt heute 37 Prozent seines Umsatzes außerhalb der USA (zum Vergleich: Bei Alibaba sind es lediglich 4 Prozent). Google war von Anfang an ein globales Phänomen. Es existiert langjährige Erfahrung mit interkulturellen Teams und der Koordination von Entwicklungszentren auf verschiedenen Kontinenten. Andere Unternehmen wie etwa Facebook haben sich daran orientiert.

Zu ihrem gering ausgeprägten internationalen Footprint kommen spezifische Eigenheiten chinesischer Apps:

  • Youtube hat auch deshalb mehr betrachtete Clips als das chinesische Youku, weil die den chinesischen Clips vorgeschaltete Werbung häufig 40 Sekunden oder länger dauert.
  • Facebook schlägt seine ursprüngliche chinesische Kopie Renren klar, weil chinesische Internetbenutzer mittlerweile lieber auf WeChat posten (dazu später mehr).
  • Google hat auch deshalb mehr Suchanfragen, weil seine Suchmaschine in einem internationalen Kontext deutlich bessere Resultate liefert als die von seinem chinesischen Wettbewerber Baidu. Diesen sollte man allerdings nicht abschreiben: Das Unternehmen besitzt die derzeit zuverlässigste Spracherkennungs-Software und wurde von der renommierten MIT Technology Review im Jahr 2016 als zweitinnovativstes Unternehmen der Welt nach Amazon ausgezeichnet.
  • Spotifys größter chinesischer Rivale ist auch deshalb vergleichsweise klein, weil dieser Markt in China besonders fragmentiert ist.
  • Während Instagram als Plattform etabliert ist, lassen WeChat und Weibo in China wenig Raum für vertikale Apps wie In.
  • Die Anzahl an Tweets ist bei Twitter auch deshalb höher, weil die Begrenzung auf 140 Zeichen zu einer höheren Nutzungsfrequenz animiert (Weibo bietet seit Anfang 2016 bis zu 2.000 Zeichen)
  • Im Detail betrachtet betreiben Amazon und Alibaba andere Geschäftsmodelle: Während Amazon den Großteil seiner Umsätze über die auf seiner Plattform verkauften Produkte und durch seine Webservices erzielt, kommen die meisten Erlöse von Alibaba durch Anzeigen und Add-On-Dienstleistungen für die Verkäufer auf seiner Plattform.

WeChat und Didi Chuxing machen China zum Leitmarkt für mobile Commerce und Sharing Economy.

Im Falle von WeChat oder dem Fahrvermittlungsdienste Didi Chuxing ist China dem Rest der Welt voraus. Auch wenn viele der diesen neuen Unternehmen und Geschäftsmodellen zugrundeliegenden Technologien ursprünglich nicht aus China kommen, entwickelt sich das Land für Mobile Commerce und Sharing Economy zum Leitmarkt. Dafür sorgen einerseits die schiere Größe des Marktes (Alibaba alleine kaufte alleine im Jahr 2015 mehr Server als ganz Brasilien) sowie die Dichte in den chinesischen Megastädten – in China gibt es 160 Städte mit jeweils mehr als 1 Mio. Einwohnern, 15 davon haben sogar mehr als 10 Mio. Einwohner.

Didi besitzt momentan einen Marktanteil von knapp 90 Prozent unter den chinesischen Fahrtenvermittlern. Nach eigenen Angaben vermittelte das Unternehmen im Oktober 2016 über das Land verteilt 20 Millionen Fahrten pro Tag. UBER kam im Juli 2016 weltweit lediglich auf 2 Millionen pro Tag.

WeChat wird fälschlicherweise häufig mit WhatsApp verglichen, dabei kann diese Applikation viel mehr. Für viele Menschen in China ist ein urbanes Leben ohne sie kaum mehr vorstellbar – ein Effekt, der sich aller Voraussicht nach noch verstärken wird. Schon heute werden darüber Taxifahrten organisiert, Flüge, Zugtickets und Hotelzimmer gebucht, Behördentermine vereinbart, Dienstleistungen wie Putzdienste oder Massagen sowie Essen oder Blumen bestellt. WeChat stellt auch für viele Chinesen den bequemsten Weg zur Verwaltung ihrer Finanzen dar. Einkäufe online und offline lassen sich damit bequem (und bisher) sicher bezahlen. Alleine während dem chinesischen Neujahrsfest 2016 wurden knapp doppelt so viele Transaktionen über diese Plattform abgewickelt wie mit Paypal in gesamten Vorjahr.

Der jüngste Coup ist die Einführung sogenannter Micro-Apps, die den Funktionsumfang der Plattform nochmals erweitert und sie unabhängig vom jeweiligen Betriebssystem macht – ein Schritt, bei dem Apple jeden kleineren Anbieter aus dem AppStore verbannen würde. Aufgrund der dominierenden Stellung von WeChat haben die Amerikaner in diesem Fall keine andere Wahl.

Diese Konzentration erfolgt nicht zwangsläufig zum Vorteil des Kunden. Ende Januar 2017 etwa sah sich die Shanghaier Stadtregierung dazu gezwungen, Preisobergrenzen einzuführen, weil sich zu viele Taxikunden über exorbitante Preise beschwert hatten. WeChat wird wohl auch einen zentralen Platz in dem virtuellen Punktesystem einnehmen, mit dem die chinesische Regierung in der Zukunft die Regeltreue seiner Staatsbürger überwachen und bewerten möchte.

Weitere internationale Übernahmen, bessere Kostenkontrolle, AI

Die starke Kapitalbasis chinesischer Investoren und ihr Hunger nach ausländischer Technologie führte 2016 auch zu einigen spektakulären Übernahmen westlicher Internetunternehmen. Prominente Beispiele hierfür waren etwa die Akquisition von Skyscanner durch die führende chinesische Online-Reisebuchungsplattform Ctrip (1.74 Mrd. USD) oder die Übernahme von AppLovin, der nach Google und Facebook drittgrößten Plattform für mobile Advertising, durch den chinesischen Investor Orient Honda Capital (1.42 Mrd. USD). Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend trotz strengerer Kapitalverkehrskontrollen auch im kommenden Jahr fortsetzen wird. 

Der potentielle Gewinn – der größte Binnenmarkt der Welt mit einer wachsenden urbanen Mittelschicht und einer laxen, bzw. nicht existierenden Gesetzgebung – lässt Investoren höchste Risiken eingehen. Jüngste Beispiele wie die Restrukturierungen bei Leshi (dem Unternehmen u.a. hinter Faraday Future), die Unfähigkeit des Telefonherstellers Cosun seine Anleihen zu bedienen, sowie Aussagen von leitenden Mitarbeitern führender chinesischer Internetunternehmen beweisen, dass viele Unternehmen in diesem Bereich lernen müssen, ihre Kosten besser unter Kontrolle zu halten, wenn sie dauerhaft bestehen wollen.

Nichtsdestotrotz erwarten wir auch beim Trendthema Künstliche Intelligenz im kommenden Jahr mehr Impulse von chinesischen Internetunternehmen. Das legen alleine schon die Budgets von Baidu, Alibaba und Tencent sowie die Anwerbung ausländischer Spitzenkräfte durch diese Unternehmen für diesen Bereich nahe.

Zusätzliche Phantasie bekommt dieser Aspekt durch die Tatsache, dass chinesische Unternehmen explizit von der Regierung dazu angehalten sind, Anwendungen für Künstliche Intelligenz auch im industriellen Bereich zu entwickeln – Bereiche, aus denen sich die großen Spieler im Silicon Valley bisher herausgehalten haben (womöglich auch aufgrund der vergleichsweise geringen Größe des produzierenden Sektors in den USA).

Die in unserer Abbildung 1 dargestellten Aktivitäten werden sich im kommenden Jahr daher noch beschleunigen.

Abbildung 2: Der chinesische E-Commerce-Markt – Blaupause für industrielle Anwendungen im Internet?

Abbildung 3: Häufig gleichgesetzt mit WhatsApp, ist WeChat vielmehr als eine Messaging-App

Zum Autor

Georg Stieler hat die Niederlassung des Unternehmens in Shanghai im Jahr 2011 gegründet und leitet diese seither vor Ort.

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