ANALYSE30.11.2015

Wer wird das Alibaba im Bereich Industrie 4.0?

_

Die Möglichkeiten von Informationstechnologie und Automatisierung nehmen exponentiell zu. Tendenziell sollten hiervon entwickeltere Länder stärker profitieren. Die chinesische Regierung hat dies erkannt und forciert die Automatisierung.

Ben Evans, der britische Technologieautor und Partner bei Andreesen Horowitz, einer der mächtigsten Venture-Capital-Firmen im Silicon Valley, hat das in die hier abgebildeten drei einfachen, aber kraftvollen Sätze gepackt:

Ein Computer sollte nichts fragen, was er selbst wissen könnte.

Ein Mensch sollte nichts tun, was ein Computer für ihn erledigen könnte.

Was ein Computer weiß, ändert sich radikal.

Wenn man diesen Gedanken auf die Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern anwendet, könnte das bedeuten, dass China das letzte Land war, das durch den klassischen Industrialisierungsansatz - die Massenproduktion billiger Güter durch ein großes Angebot günstiger, unqualifizierter Arbeitskräfte zu Wohlstand gekommen ist. Warum sollen sich Unternehmen mit den typischen Herausforderungen in Schwellenländern - Korruption, einer oftmals unberechenbaren Bürokratie, schlechter Infrastruktur etc. herumschlagen, wenn man in entwickelteren Ländern hoch automatisiert immer günstiger, flexibel und ab Losgröße 1 produzieren kann?

Allerdings verfolgt auch die chinesische Regierung das Potential neuer Technologien aufmerksam. Die im Mai veröffentlichte "Made in China 2025"-Strategie der Regierung in Peking sieht vor, dass durch einen höheren Automationsgrad und intelligente, vernetzte Produktionskonzepte der Anschluss an technologisch führende Industrienationen gelingen soll. Auf einer von uns organisierten Reise mit einer Gruppe chinesischer Geschäftsleute im vergangenen Juni, war “Industrie 4.0” einer der wesentlichen Interessenschwerpunkte - obwohl dieser Begriff in China noch viel weiter gefasst ist, als im Westen.

China ist heute für 1/4 der weltweiten Industrieproduktion verantwortlich. Aufgrund bestehender Lieferketten wird das Land seine Position als Fabrik der Welt behalten. China wird ein Leitmarkt für Industrieautomation.

Das folgende Diagramm zeigt. wie China seinen Anteil an der globalen Industrieproduktion von 4 Prozent im Jahr 1990 auf fast ein Viertel innerhalb der vergangenen 25 Jahre steigern konnte.

Wie uns spätestens die Ereignisse der vergangenen Monate gezeigt haben, ist das diesem Prozess zugrundeliegende Wachstumsmodell allerdings an seine Grenzen gekommen. 

Neben Reformen in seinem Rechts- und Ausbildungssystem muss China automatisieren. Dazu zwingen das Land gestiegene Lohnkosten und ein zurückgehendes Angebot an Arbeitskraft, erhöhte Qualitätsanforderungen auf den Absatzmärkten sowie die Notwendigkeit eines schonenderen Umsatzes mit Ressourcen. Die eingangs dargestellte Zunahme der Möglichkeiten intelligenter, vernetzter Produktionsprozesse verstärkt diese Notwendigkeit.

Ein Reshoring in entwickeltere Volkswirtschaften hat indessen bisher nicht in dem von manchen Beobachtern erwarteten Umfang stattgefunden. Eher sieht es danach aus, dass chinesische Unternehmen mithilfe eines höheren Automationsgrads qualitativ höhenwertige Produkte herstellen werden. Aufgrund bestehender Lieferketten in China ist auch der Abwanderungstrend in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verhältnismäßig gering. 

Die große industrielle Basis zusammen mit dem großen Nachholbedarf auf der einen Seite sowie spezifische Charaktermerkmale chinesischer Kunden zusammen mit aggressiven neuen Wettbewerbern werden China zu einem Leitmarkt im Bereich Automation machen.

Chinesische Internetunternehmen zählen zu den innovativsten der Welt. Wir erwarten, dass China auch im Bereich Industrie 4.0 eigene Lösungen hervorbringen wird.

Wie die folgende Grafik zeigt, hat China für jede Anwendung im Consumer-Internet eigene Lösungen und Geschäftsmodelle hervorgebracht. Im Bereich E-Commerce, bzw. Mobile Commerce ist das Land der innovativste Markt der Welt und könnte das mit seiner urbanen Mittelschicht, die mittlerweile über 100 Millionen Menschen umfasst, auch im Internet of Things werden. 

Nicht alle chinesischen Internetunternehmen haben ihre dominierende Stellung alleine der Tatsache zu verdanken, dass sie besser als ihre ausländischen Wettbewerber wären. So profitierte beispielsweise die Suchmaschine Baidu davon, dass der Zugriff auf Google aus China seit dem Jahr 2009 blockiert war. In abgeschwächter Form hat sicher auch die Nichtverfügbarkeit von Facebook den Anfangserfolg von WeChat mitbegründet.

In anderen Fällen allerdings haben chinesische Unternehmen gewonnen, indem sie besser auf die Gewohnheiten chinesischer Nutzer eingegangen sind: Während eBay stur versuchte, sein Geschäftsmodell aus den USA auf China zu übertragen, gründete Alibaba sein eigenes Bezahlsystem Alipay, bei dem der Onlinehändler als Treuhänder fungiert - angesichts des niedrigen Verbreitungsgrads von Kreditkarten in China vor zehn Jahren eine wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz einer Internet-Handelsplattform. Sowohl FaceBook als auch Google beobachten heute sehr genau, welche Funktionen WeChat seinen Kunden anbietet. 

Das Beispiel von WeChat zeigt allerdings noch etwas anderes: Chinesische Internetanwendungen werden über kurz oder lang auch aus China herauskommen. Für nichtprofessionelle Anwender ist es das zuverlässigste Programm für Videokonferenzen aus China mit dem Ausland, weil es die Great Chinese Firewall besser bewältigt als etwa Skype oder FaceTime. Bei der Vorstellung der Apple Watch war WeChat bereits prominenter platziert als das westliche Pendant WhatsApp. 

Von den Unternehmen in dieser Darstellung fällt Xiaomi in eine eigene Kategorie, weil es auch Hardware produziert. Es wurde 2010 gegründet und hat im vergangenen Jahr 62 Millionen Smartphones verschickt. An manchen Tagen bis zu 800.000 Stück. Die 1,5 über Millionen Mitglieder zählende Fangemeinde Xiaomi Shequ schlägt jede Woche neue Features vor und stimmt über diese ab. Das Betriebssystem wird jeden Freitag geupdated. Mittlerweile produziert das Unternehmen auch TV-Boxen, Fitnesstracker Luftreiniger und smarte Steckdosen, die ans heimische W-LAN angeschlossen werden, etc. Mit einer Kundenbasis von über 100 Millionen Nutzern macht sich das Unternehmen auf, zu einem der führenden Spieler im Bereich Internet of Things zu werden.

Wer könnten das Alibaba, WeChat oder Xiaomi im Bereich Industrie 4.0 sein?

In Anbetracht des Erfolgs chinesischer Internetunternehmen ist es daher eine wesentliche Frage, ob es im Bereich Industrie 4.0 - die Amerikaner nennen es “Industrial Internet” oder “Internet of Very Important Things” - zu einer ähnlich getrennten Entwicklung kommen wird. 

Wir können bereits heute erkennen, wie die chinesische Regierung auch in diesem Bereich einheimischen Lösungen Vorteile verschafft: 

  • Eine aktuelle Gesetzesvorlage, die der Regierung Zugriffsrechte auf Software gewährleisten soll
  • Die Entfernung sämtlicher Microsoft-Betriebssysteme von Computern in Regierungseinrichtungen und bei Staatsunternehmen Ende 2014
  • Die in einigen Bereichen bereits verpflichtende Regelung, dass die Server für Maintenance-in-Advance-Dienstleistungen im Land stehen müssen.
  • Im Bereich Navigationslösungen für Smart Agriculture das einheimische Beidou-System durch Beschaffungssubventionen bevorteilt wird.

In unserer Studie “Industrial Automation in China haben wir uns daher die Frage gestellt "Wer könnten das Alibaba, WeChat, oder Xiaomi im Bereich Industrie 4.0 sein?" und entsprechend die 18 wichtigsten Segmente entlang der Automations-Wertschöpfungskette in China untersucht.

Die Gedanken und Grafiken sind aus einem Vortrag, den Georg Stieler im Herbst 2015 beim Jahreskongress des Fachverbands Automation im ZVEI sowie bei einem Management Meeting von VDMA/VDW gehalten hat. Für weitergehende Fragen, schreiben Sie uns oder rufen Sie uns an +86 21 2218 3015.